Die Waage

Die Waage - laut Paul May - das mysteriöse (?) Bindeglied zwischen Drachen und Piloten.

Übersicht

Mit der Waage werden die Lenkschnüre am Drachen befestigt. Damit ist die Waage (neben den Lenkschnüren) die Verbindung zwischen Drachen und Piloten.

Die Waage hat 2 Aufgaben:

  • der Drachen muss im richtigen Winkel in den Wind gestellt werden und
  • die Lenkbefehle werden über die Waage an den Drachen weitergeleitet.

Damit hat die Waage einen erheblichen Einfluss auf das Flugverhalten des Drachen. Jeder noch so gute Drachen kann erst durch eine optimale Waage sein Potenzial entfalten.

An der Waage können verschiedene Parameter eingestellt werden. Dabei können sich die einzelnen Einstellungen gegenseitig beeinflussen. Daher sollte man verstehen, welchen Einfluss die Änderungen an der Waage auf das Flugverhalten des Drachens haben.

Begriffserklärung

Bevor ich auf die Einstellungen der Waage von Lenkdrachen eingehe sollten einige Begriffe geklärt werden:

3-Punkt-Waage

Die klassische Lenkdrachenwaage. Die 2 Lenkschnüre werden mit zwei 3-Punkt-Waagen (rechts und links) an 5 Punkten am Drachen befestigt.

Die Waage wird normalerweise an den Verbindungspunkten der Spreizen an den Leitkanten (4x) und am Mittelkreuz (1x) angebracht. Diese Punkte werden Befestigungspunkte genannt.

Befestigungspunkte

  • Obere Spreize (2x)
  • Untere Spreize (2x)
  • Mittelkreuz (1x)

Daraus ergeben sich die 5 Befestigungspunkt.

Von den 3 Befestigungspunkten einer Seite läuft jeweils ein Waageschenkel zum Anknüpfpunkt.

Waage

  1. Obere Spreize
  2. Untere Spreize
  3. Mittelstab
  4. Mittelkreuz
  5. Anknüpfpunkt
  6. Befestigungspunkt obere Spreize
  7. Befestigungspunkt untere Spreize

Anknüpfpunkt

Am Anknüpfpunkt laufen die 3 Waageschenkel zusammen. Hier wird die Lenkschnur mit der Waage verbunden.

Waageschenkel

Zwischen den 3 Befestigungspunkten und dem Anknüpfpunkt verlaufen die 3 Waageschenkel:

Oberer Waageschenkel:
zwischen oberer Spreize und Anknüpfpunkt.

Äußerer Waageschenkel:
zwischen unterer Spreize und Anknüpfpunkt.

Innerer Waageschenkel:
zwischen Mittelkreuz und Anknüpfpunkt.

Bei den meisten (modernen) Lenkdrachen wird der Obere und der Äußere Waageschenkel aus einem durchgehenden Stück Waageschnur gefertigt. Daher spricht man hier von dem durchgehenden Waageschenkel. Dieser läuft von der oberen zur unteren Spreize. Der innere Waageschenkel wird in das durchgehende Stück eingeknotet. Dieser Knoten ergibt den Anknüpfpunkt.

Einstellwinkel

Der Winkel mit dem der Drachen zum Wind eingestellt ist. Um einen Einstellwinkel zu beschreiben spricht man von einer flachen oder steilen Einstellung.

  • flacher: der Anknüpfpunkt wandert Richtung Nase. Je näher der Anknüpfpunkt Richtung Nase wandert, desto flacher liegt der Drachen auf dem Wind.
  • steiler: der Anknüpfpunkt wandert von Nase weg. Wenn der Anknüpfpunkt zu weit von der Nase weggewandert ist, dann steht der Drachen so steil im Wind, dass der Drachen keine Fluggeschwindigkeit mehr aufbaut.

Je nachdem, wo sich der Drachen im Windfenster befindet, hat der Drachen einen anderen Winkel zum Wind. Bei einer optimalen Einstellung ist er im Windzentrum nicht zu steil und kann trotzdem ein möglichst großes Windfenster nutzen. Ein flacher Einstellwinkel schränkt das Windfenster ein.

Abstand der Anknüpfpunkte

Der Abstand der Anknüpfpunkte beeinflusst maßgeblich, wie die Lenkbefehle mittels Waage an den Drachen weitergereicht werden. Die Länge des äußeren und des inneren Waageschenkels bestimmen den Abstand zwischen den Anknüpfpunkten. Der obere Waageschenke keinen Einfluss auf den Abstand.

Der optimale Einstellwinkel

Von einer optimalen Einstellung ausgehend werden den Flugeigenschaften wie folgt verändert.

Flugeigenschaften steiler flacher
Drehradius enger weiter
Fluggeschwindigkeit langsamer schneller bei geringer Änderungen, dann gemeinsam mit der Zugkraft abnehmend. Der Drachen liegt nur auf dem Wind.
Zug kurzfristig zunehmend, dann gemeinsam mit der Fluggeschwindigkeit abnehmend. abnehmend
Stall und stoppen im Wind besser, da die Strömung besser abreist schwierig zu kontrollieren, da der Drachen sofort wieder Fahrt aufnimmt.
Auslösen von Tricks (allgemeine Meinung) besser schlechter
Auslösen von Tricks (meine Meinung) besser, wenn der Trick einen Stall als Setup benötig. Im Allgemeinen schlechter, da der Slack schlechter zu realisieren ist. besser durch den geringeren Druckaufbau.

Der optimale Abstand der Anknüpfpunkte

Ein optimaler Abstand aus der Sicht des Gleichgewichts der Kräfte liegt bei gleichlangen inneren und äußeren Waageschenkeln vor. Für einen Präzisions- bzw. Trickflugdrachen benötig man mehr Kontrolle über den Drachen, daher werden die Anknüpfpunkte für diese Drachen ein wenig nach außen geschoben.

Anknüpfpunkte liegen nah zusammen

Der Drachen fliegt spurtreu. Kleine Lenkbewegungen haben eine große Auswirkung, dabei fliegt der Drachen sehr knackig und spurtreu.

Anknüpfpunkte liegen weiter auseinander

Der Drachen fliegt unruhiger bzw. agiler. Durch die größeren Lenkbewegungen kann der präziser geflogen werden.

Zusätzlich bestimmt der Abstand der Anknüpfpunkte wie die Kräfte auf Gestänge übertragen werden.

Liegen die Anknüpfpunkte weiter auseinander muss der Drachen, insbesondere das Mittelkreuz und die untere Spreize, mehr Kräfte aushalten. Die untere Spreize fängt an sich durchzubiegen - der Drachen "tunnelt".

Dies bedeutet, dass die untere Spreize sich durchbiegt. Diese Biegung belastet die untere Spreize. Zusätzlich werden die Kräfte nicht gleichmäßig auf das Gestänge eingeleitet, was zusätzlich die Spreize und das restliche Gestänge belastet.

Hebelarm

Der Zusammenhang zwischen Lenkverhalten und Abstand der Anknüpfpunkte kann durch einen unterschiedlich langen Hebelarm erklärt werden.

Anknüpfpunkte liegen nah zusammen -> Kleiner Hebelarm:
Kleine Lenkbewegungen -> große Wirkung. Es muss viel Kraft für die gleiche Kursänderungen aufgebracht werden -> spurtreu.

Liegen die Anknüpfpunkte zu nahe zusammen wird der Hebelarm zu klein. Die Lenkbewegung wird nicht übertragen und der Drachen kann nicht gelenkt werden.

Anknüpfpunkte liegen weiter auseinander -> großer Hebelarm:
Große Lenkbewegungen -> kleine Wirkung. Damit kann der Drachen feinfühliger geflogen werden. Es weniger Kraft eine Kursänderungen aufbracht werden -> der Drachen fliegt unruhiger.

Zusammenspiel zwischen Einstellwinkel und Abstand der Anknüpfpunkte

Bei einer klassischen 3-Waage beeinflussen Änderungen des Einstellwinkels den Abstand der Anknüpfpunkte, wenn der Einstellwinkel durch das Verschieben des Anknüpfpunktes auf dem durchgehenden Waageschenkel verändert wird.

Wenn z.B. der Drachen steiler gestellt wird, wandert der Anknüpfpunkt von der oberen Spreize weg, nach unten. Wenn der durchgehende Waageschenkel von der oberen Spreize zur unteren Spreize außen verläuft, dann vergrößert sich automatisch der Abstand zwischen den Anknüpfpunkte.

Dieses Zusammenspiel kann vermieden werden, wenn der Einstellwinkel über eine Knotenleiter an der oberen Spreize anpasst wird. Da sich hierbei die Länge der beiden unteren Waageschenkel nicht ändert, bleibt der Anstand zwischen den Anknüpfpunkte konstant.

Wenn der Abstand zwischen den Anknüpfpunkten mit Änderungen am inneren oder unteren Waageschenkel wird, ändert sich automatisch immer auch der Einstellwinkel. Werden z.B. die Anknüpfpunkte weiter aus einander geschoben, indem der innere Waagenschenkel verlängert wird, wird gleichzeitig der Drachen flacher gestellt. Dies kann korrigiert werden indem:

  • der obere Waagenschenkel verlängert wird. (z.B. mit Hilfe der Knotenleiter an der oberen Spreize.)
  • der Anknüpfpunkt auf der durchgehenden äußeren Waage Richtung unterer Spreize verstellt wird. Der Anknüpfpunkt wandert ein Stück weiter nach außen.
  • der äußere Waagenschenkel verkürzt wird. (z.B. mit Hilfe einer Knotenleiter an der unteren Spreize.) Der Anknüpfpunkt wandert ein Stück weiter nach außen.

Mit diesem Wissen kann man die Anknüpfpunkte auseinander bzw. zusammen schieben (fast) ohne den Einstellwinkel zu beeinflussen, in dem man die Länge der inneren und äußeren Waageschenkel gegenläufig verändert.

Grundeinstellung

Die meisten, aktuell verkauften, Drachen werden mit einer gut vorbereiteten Waage verkauft. Eventuell muss der Drachen nur noch auf die aktuellen Windverhältnisse angepasst werden. Manche Drachen reagieren empfindlicher auf verschiedene Windgeschwindigkeiten als andere. Dann muss der Drachen entsprechend steiler oder flacher gestellt werden. Andere Drachen müssen nicht oder nur minimal auf die Windverhältnisse angepasst werden. (z.B. LeVirus oder viele Prism-Drachen)

Die Waageeinstellung muss für verschiedene Flugzustände optimal eingestellt sein. Der Drachen muss sowohl im Windzentrum als auch am Windrand sowie im Zenit optimal fliegen.

Windzentrum

Hier erfolgt die Grundeinstellung des Drachens und wird der Drachen auf die persönlichen Vorlieben eingestellt. z.B.

  • Wie viel Druck soll der Drachen aufbauen.
  • Wie schnell soll der Drachen fliegen.
  • Wie lassen sich die Tricks auslösen.
  • Kann der Drachen sauber gestoppt und gelandet werden.

Zenit und Windrand

  • Der Drachen muss sauber stoppen d.h. darf nicht über den Zenit hinausschießen.
  • Dabei muss er ausreichen Zug aufbauen um die Leinen unter Spannung zu halten.
  • In diesem statischen Flugzustand, ohne Eigengeschwindigkeit, muss der Drachen voll Kontrollierbar sein.

Windfenster

Fluglage zum Wind:

  1. flach im Zenit,
  2. steil im Zentrum.

Länge der Waage

Es können nicht nur die Winkel an der Waage verändert werden. Auch die Länge der Waage verändert die Flugeigenschaften.

Eine lange Waage steht für ein spurtreues Flugverhalten, während eine kurze Waage ein direktes Ansprechen auf die Steuerbefehle verspricht.

Mit einer langen Waage werden die Kräfte besser von den Lenkschnürre auf die Stäbe weitergeleitet, da durch die spitzen Winkel der Waageschenkel am Anknüpfpunkt ergeben sich stumpfe Winkel an den Befestigungspunkten. Dadurch ergeben sich geringere Querkräfte, was sich wiederum günstiger auf das Gestänge auswirkt.